Das Agile Manifest: 4 Werte und 12 Prinzipien erklärt
Agile Methoden sind heute allgegenwärtig. Scrum, Kanban, SAFe: Fast jedes Unternehmen arbeitet inzwischen mit irgendeiner Form von “agil”. Doch wenn du Kollegen fragst, was agil eigentlich bedeutet, bekommst du oft vage Antworten: “flexibel sein”, “schnell reagieren” oder “keine Dokumentation”.
Das Problem: Viele Teams übernehmen agile Praktiken, ohne die Grundidee dahinter zu verstehen. Sie führen Daily Stand-ups ein, arbeiten in Sprints und wundern sich, warum der erhoffte Kulturwandel ausbleibt.
Die Antwort liegt im Ursprung: dem Agilen Manifest von 2001. Es definiert 4 Werte und 12 Prinzipien, die bis heute die Basis jeder agilen Methode bilden. Wer dieses Fundament kennt, versteht nicht nur die Methoden besser, sondern kann sie auch sinnvoll an den eigenen Kontext anpassen.
Die 4 Werte des Agilen Manifests
Das Agile Manifest formuliert vier zentrale Wertaussagen. Jede folgt dem gleichen Muster: “Wir schätzen X mehr als Y.” Das bedeutet nicht, dass Y unwichtig ist. Es bedeutet, dass X im Zweifelsfall Vorrang hat.
1. Menschen und Interaktionen vor Prozessen und Werkzeugen
Der wichtigste Wert steht an erster Stelle: Kein Tool und kein Prozess ersetzt direkte Kommunikation. Ein Team, das gut zusammenarbeitet, liefert auch mit einfachen Mitteln Ergebnisse. Ein Team mit den besten Tools, aber schlechter Kommunikation, scheitert.
Was das nicht bedeutet: Prozesse und Tools sind überflüssig. Sie unterstützen die Zusammenarbeit, dürfen sie aber nicht ersetzen.
2. Funktionierende Software vor umfassender Dokumentation
Der wahre Fortschritt zeigt sich in lauffähigen Ergebnissen, nicht in Konzeptpapieren. Dokumentation, die niemand liest, ist Verschwendung. Code, der funktioniert, schafft Wert.
Was das nicht bedeutet: Dokumentation ist unnötig. Aber sie sollte dem Produkt dienen, nicht zum Selbstzweck werden.
3. Zusammenarbeit mit dem Kunden vor Vertragsverhandlungen
Agile Teams arbeiten eng mit ihren Kunden zusammen, statt sich hinter Verträgen zu verschanzen. Anforderungen ändern sich. Wer flexibel darauf reagiert, liefert am Ende das, was der Kunde wirklich braucht.
Was das nicht bedeutet: Verträge sind unwichtig. Aber sie sollten die Zusammenarbeit ermöglichen, nicht einschränken.
4. Reagieren auf Veränderung vor dem Befolgen eines Plans
Pläne sind nützlich, aber sie sind Momentaufnahmen. Märkte ändern sich, Kundenwünsche entwickeln sich weiter, neue Erkenntnisse entstehen. Ein gutes Team passt seinen Kurs an, statt stur einem veralteten Plan zu folgen.
Was das nicht bedeutet: Planung ist sinnlos. Aber der Plan ist ein Werkzeug, kein Gesetz.
Das gemeinsame Muster
Alle vier Werte folgen einer Logik: Sie priorisieren das Lebendige vor dem Starren. Menschen vor Prozessen. Ergebnisse vor Dokumenten. Beziehungen vor Verträgen. Anpassung vor Starrheit.
Diese Priorisierung ist keine Ablehnung der rechten Seite. Sie ist eine Entscheidungshilfe für den Moment, in dem beides in Konflikt gerät.
Die 12 Prinzipien im Überblick
Die 12 Prinzipien konkretisieren die vier Werte. Sie lassen sich in vier Themenbereiche gruppieren:
- Kundennutzen und Lieferung: Wert entsteht durch funktionierende Ergebnisse
- Umgang mit Veränderung: Änderungen als Chance statt als Störung
- Menschen und Teams: Vertrauen und Autonomie statt Kontrolle
- Nachhaltige Qualität: Langfristiger Erfolg durch Reflexion und Exzellenz
Kundennutzen und Lieferung
Prinzip 1: Unsere höchste Priorität ist es, den Kunden durch frühe und kontinuierliche Auslieferung wertvoller Software zufrieden zu stellen.
Prinzip 3: Liefere funktionierende Software regelmäßig innerhalb weniger Wochen oder Monate und bevorzuge dabei die kürzere Zeitspanne.
Prinzip 7: Funktionierende Software ist das wichtigste Fortschrittsmaß.
Nicht Pläne, Konzepte oder Meetings zeigen den Fortschritt, sondern das, was tatsächlich funktioniert und beim Kunden ankommt.
Umgang mit Veränderung
Prinzip 2: Heiße Anforderungsänderungen selbst spät in der Entwicklung willkommen. Agile Prozesse nutzen Veränderungen zum Wettbewerbsvorteil des Kunden.
Prinzip 4: Fachexperten und Entwickler müssen während des Projektes täglich zusammenarbeiten.
Veränderung ist kein Störfaktor, sondern eine Chance. Enge Zusammenarbeit zwischen Business und Technik ermöglicht schnelle Anpassungen.
Menschen und Teams
Prinzip 5: Errichte Projekte rund um motivierte Individuen. Gib ihnen das Umfeld und die Unterstützung, die sie benötigen und vertraue darauf, dass sie die Aufgabe erledigen.
Prinzip 6: Die effizienteste und effektivste Methode, Informationen an und innerhalb eines Entwicklungsteams zu übermitteln, ist im Gespräch von Angesicht zu Angesicht.
Prinzip 11: Die besten Architekturen, Anforderungen und Entwürfe entstehen durch selbstorganisierte Teams.
Der Mensch steht im Mittelpunkt. Teams brauchen Vertrauen und Autonomie, keine Micromanagement-Kontrolle.
Nachhaltige Qualität
Prinzip 8: Agile Prozesse fördern nachhaltige Entwicklung. Die Auftraggeber, Entwickler und Benutzer sollten ein gleichmäßiges Tempo auf unbegrenzte Zeit halten können.
Prinzip 9: Ständiges Augenmerk auf technische Exzellenz und gutes Design fördert Agilität.
Prinzip 10: Einfachheit, die Kunst, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren, ist essenziell.
Prinzip 12: In regelmäßigen Abständen reflektiert das Team, wie es effektiver werden kann und passt sein Verhalten entsprechend an.
Langfristiger Erfolg braucht Qualität und Reflexion. Wer dauerhaft überlastet arbeitet oder technische Schulden anhäuft, verliert seine Agilität.
Das verbindende Element
Die Prinzipien verstärken sich gegenseitig: Selbstorganisierte Teams (11) liefern regelmäßig (3), weil sie direkt kommunizieren (6) und sich kontinuierlich verbessern (12). Kein Prinzip steht für sich allein.
Wie die Werte in Scrum und Kanban sichtbar werden
Die Werte und Prinzipien sind keine abstrakte Philosophie. Sie zeigen sich konkret in den Praktiken agiler Methoden.
In Scrum
| Wert | Umsetzung in Scrum |
|---|---|
| Menschen vor Prozessen | Daily Scrum: kurze Abstimmung statt langer Reports |
| Funktionierende Software vor Dokumentation | Sprint Review: lauffähiges Inkrement zeigen, nicht Folien präsentieren |
| Zusammenarbeit vor Verträgen | User Stories sind Einladungen zum Gespräch mit Stakeholdern, keine fertigen Spezifikationen |
| Reagieren auf Veränderung | Sprint Planning: Priorisierung kann sich jeden Sprint ändern |
Die Retrospektive verkörpert Prinzip 12: regelmäßige Reflexion, um besser zu werden.
In Kanban
| Wert | Umsetzung in Kanban |
|---|---|
| Menschen vor Prozessen | WIP-Limits verhindern Überlastung einzelner Personen |
| Funktionierende Software vor Dokumentation | “Done” bedeutet: lieferbar, nicht “fertig dokumentiert” |
| Zusammenarbeit vor Verträgen | Stakeholder sehen den Arbeitsfluss transparent und können jederzeit Feedback geben |
| Reagieren auf Veränderung | Kontinuierlicher Fluss statt fester Iterationen |
Kanban macht Engpässe sichtbar und fördert so Prinzip 9: ständiges Augenmerk auf Verbesserung.
Der gemeinsame Kern
Ob Scrum, Kanban oder ein anderes Framework: Die Methode ist nur das Werkzeug. Die Werte bestimmen, ob du sie im Geist des Manifests anwendest oder nur die Mechanik kopierst.
Häufige Missverständnisse
Das Manifest wird oft falsch interpretiert. Der häufigste Fehler: Die rechte Seite der Wertaussagen wird ignoriert statt nur niedriger priorisiert.
| Missverständnis | Was das Manifest wirklich sagt |
|---|---|
| “Agil bedeutet keine Dokumentation” | Dokumentation hat Wert, aber funktionierende Software hat mehr Wert. Dokumentiere, was hilft, nicht was Prozesse vorschreiben. |
| “Agil bedeutet keine Planung” | Pläne sind wichtig, aber Anpassungsfähigkeit ist wichtiger. Plane iterativ: Release-Planung, Sprint-Planung, tägliche Abstimmung. |
| “Agil bedeutet keine Prozesse” | Prozesse und Tools unterstützen die Arbeit. Sie dürfen nur nicht das menschliche Urteilsvermögen und die direkte Kommunikation ersetzen. |
| “Agil bedeutet keine Deadlines” | Agile Methoden arbeiten mit festen Timeboxen. Der Umfang ist flexibel, nicht die Zeit. |
| “Agil funktioniert nur für Software” | Das Manifest entstand in der Softwareentwicklung, aber die Prinzipien gelten für jede Wissensarbeit: Marketing, HR, Produktentwicklung. |
Der Schlüssel zum Verständnis
Das Manifest sagt nicht “links statt rechts”. Es sagt “links mehr als rechts”. Wer die rechte Seite komplett streicht, hat das Manifest nicht verstanden.
Fazit
Das Agile Manifest ist kein Regelwerk, sondern ein Kompass. Es gibt dir keine Schritt-für-Schritt-Anleitung, aber eine klare Richtung für Entscheidungen.
Drei Erkenntnisse zum Mitnehmen:
Die Werte sind Priorisierungen, keine Verbote. Die rechte Seite hat weiterhin Wert.
Die Prinzipien verstärken sich gegenseitig. Selbstorganisation, kurze Lieferzyklen und kontinuierliche Reflexion gehören zusammen.
Methoden sind Werkzeuge, Werte sind das Fundament. Scrum oder Kanban ohne die Werte dahinter ist nur Mechanik.
Wer das Manifest versteht, kann jede agile Methode bewusst einsetzen und an den eigenen Kontext anpassen.
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